„… dass unsere Prüfungen auch Segnungen sind“
Apostelgeschichte 28,2 (Einheit der Christen)

… dass unsere Prüfungen auch Segnungen sind

schreibt Theodor Fontane in seinem Altersroman „Stechlin“. Fontanes Geburtstag hat sich vor drei Wochen zum 200. Mal gejährt. Im „Stechlin“ sieht Fontane voraus, dass das 20. Jahrhundert vielfältige Umbrüche gewaltigen Ausmaßes mit sich bringen wird. Und er versucht Gegensätze zu verbinden. Alles zusammen zu denken.

… dass unsere Prüfungen auch Segnungen sind

Das ist auch die Erfahrung von Paulus. Er erlebt gleich mehrere Prüfungen. Zuerst wird er verhaftet, weil Zeugen gegen ihn falsch aussagen. Während der Untersuchungshaft wird ihm der Prozess gemacht. Dabei geht es drunter und drüber. Dann wird entschieden, ihn nach Rom vor den Kaiser zu bringen. Die Reise dorthin ist abenteuerlich. Zwei Wochen treibt das Schiff manövrierunfähig im Mittelmeer. Schließlich zerbricht es an einer Sandbank und geht unter. Paulus muss ins kalte Wasser springen und um sein Leben schwimmen. Aber nichts davon scheint ihn aus der Bahn zu werfen.

Der Mensch verzweifelt leicht,
aber im Hoffen ist er doch noch größer.

Auch dieser Satz stammt von Fontane. Ein hoffender Mensch ist einer, der handelt, als sei Rettung möglich. Hoffnung garantiert den guten Ausgang der Dinge nicht. Aber die Hoffnung lässt mich darauf vertrauen, dass mein Tun sinnvoll ist. Hoffnung ist der Widerstand gegen Verzweiflung und Zynismus. Sie ist eine Qualität des Handelns.

Paulus ist keiner, der die Dinge ins Unglück treiben lässt. Er ist auch kein verblendeter Optimist. Aber er ehrt sich selber, indem er handelt. Schon als sie in das Schiff eingestiegen sind, hat Paulus die Lage realistisch eingeschätzt und bemerkt, dass man sich Ende Oktober, Anfang November eigentlich nicht in ein Boot setzt. Als das Schiff führungslos durch das Meer treibt, hat Paulus Verantwortung übernommen. Er hat aufgedeckt, dass sich die Matrosen mit den Rettungsbooten absetzen wollten. Als er bemerkt, dass alle kraftlos werden, hat er sie aufgefordert zu essen. Da fassten alle Mut, erzählt die Apostelgeschichte. Und nach dem Schiffbruch hat er mitgeholfen, das Feuer zu schüren. Paulus ist in allen Prüfungen Subjekt geblieben, und nicht im Opfersein versunken.

Wie auch die gastfreundlichen Einwohner der Insel. Die Malteser sind es gewohnt zu helfen. Sie erleben öfter, dass Schiffbrüchige ans Land gespült werden. Sie leisten Soforthilfe. In diesem Fall haben sie für die Schiffbrüchigen ein großes Feuer gemacht, damit allen wieder warm wird. Die Malteser fragen nicht zuerst »Wie konnte das passieren?« oder »Wer ist schuld?«. Sie halten sich zurück mit gut gemeinten Ratschlägen. Sie geben Raum, um Luft zu holen und runterzukommen. Sie sind einfach da und halten den Schock mit aus.

Sie waren uns gegenüber ungewöhnlich freundlich.

So fasst es die Apostelgeschichte zusammen. Diese Gastfreundlichkeit ist ein kleines Vorzeichen für das ganze Gelingen. Denn es steht nicht fest, dass die Mühe vergeblich ist. Es steht noch nicht fest, dass alle Rettungswege verschlossen sind. Die Gastfreundschaft ist eine der schönen menschlichen Möglichkeiten. Vielen Kulturen ist sie heilig. Nicht nur, weil sie Fremden Schutz gewährt. Sie vermittelt auch ein Gefühl von der göttlichen Fülle des Lebens.

Wenn sie nicht als Nothilfe geschieht, ist sie im Grund überflüssig. Und gerade darin liegt ihre Schönheit. Die Gäste könnten ja auch zu Hause essen. Aber sie essen mit mir; und das macht mir und den anderen das Essen zum Fest. Wer gastfreundlich ist, kennt die Kunst der Verschwendung: für die Gäste nur das Beste. Großzügige Menschen widerstehen dem Geist der Berechnung. Ich rechne nicht dauernd aus, was ich zurückbekomme für mein eigenes Verhalten. Ich warte nicht darauf eingeladen zu werden – nur, weil ich eingeladen habe. Ich bin fähig, mich zu verschwenden.

Sie waren uns gegenüber ungewöhnlich freundlich.

Gastfreundschaft ist auch eine Grundhaltung in unserem ökumenischen Miteinander. Sie ist eine Notwehr gegen den kläglichen Kleingeist, mit dem sich unsere Kirchenleitungen das gemeinsame Mahl verweigern. Wie sollen wir das unseren Kindern und Enkeln erklären? Und wie könnte ich das erst Nicht-Christen erklären. Sie sehen die merkwürdigen Spielchen und schütteln den Kopf.

Deshalb haben wir Mitte des vergangenen Jahres die Resolution „Die Gastfreundschaft Jesu gemeinsam annehmen“ verabschiedet. Darin binden wir das Abendmahl selbstverständlich an die Taufe. Und halten an der eucharistischen Gastfreundschaft fest. Denn Christus selbst ist der Gastgeber an seinem Tisch. Wir sind alle gleichermaßen Gäste.

Doch selbst wenn wir die Wahnvorstellung überwunden haben, substantiell getrennt zu sein, wünsche ich mir keinen christlichen Einheitsbrei. Weiterhin sollen Katholiken und Evangelische in ihren spirituellen Prägungen erkennbar sein. Die Verschiedenheit unserer Glaubensäußerungen ist eine Stärke.

Indem sich diese Glaubensäußerungen aneinander stoßen, lernen wir. Ich wünsche mir weiterhin die schlichte Prägnanz des Evangelischen und die prächtige Inszenierung des Katholizismus. Wir sind und bleiben aufeinander angewiesen. Wir brauchen den Anstoß des jeweils anderen. Die Schlichtheit der Evangelischen behütet die wundervolle Konzentration auf das Wort der Schrift. Die Pracht der Katholiken ehrt die Leibhaftigkeit der Spiritualität. Wie komisch wäre die reine Wortbezogenheit. Und wie gefährlich ist die reine Ritualisierung. Der Streit zwischen den beiden rettet die Wahrheit. Aber es ist der Streit von Geschwistern, die ein gemeinsames Fundament haben und miteinander das Brot teilen.

Vor zehn Tagen war der evangelische Pfarrer der Christuskirche in Rom, Michael Jonas, bei Papst Franziskus. In der Audienz habe der Papst eine Anekdote aus seiner Zeit als junger Jesuit in Skandinavien erzählt. Dort sei er für einen lutherischen Pfarrer in einem Gottesdienst eingesprungen. Soweit sind wir Perchtoldsdorf noch nicht. Aber wer weiß, wohin uns die Geistkraft in ihrem Hoffnungswehen noch treibt. Vielleicht in jene Großzügigkeit, in der Gott selber sich mitteilt und austeilt an dich und mich. So könnte ein großes Teilen in Gang kommen, das die Welt nicht kalt und gleichgültig lässt. Dann nehme ich teil am Glauben von anderen Menschen. Ich bin nicht nur auf meinen eigenen brüchigen Glauben angewiesen. Wir teilen den Glauben, wie man Brot teilt in kargen Zeiten. Und vertrauen darauf,

… dass unsere Prüfungen auch Segnungen sind

Amen.

 


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