Wir sind von göttlicher Art
Apostelgeschichte 17,22-31 – Sonntag JUBILATE

Der rastlos Reisende sitzt fest. Paulus hat gerade einen Gefängnisaufenthalt überstanden. Und jetzt muss er in Athen schon wieder warten. Warten bis seine Mitarbeitenden nachkommen. Erst dann kann es weitergehen übers Meer. Nun sitzt er am Hafen – voller Ungeduld. Nach einiger Zeit entschließt sich Paulus, in die Stadt zu gehen.

Er kommt an zahllosen Götterbildern und Tempeln vorbei. Auf dem Marktplatz, wo einst schon Sokrates die Passanten mit seinen Fragen konfrontiert hat, kommt Paulus ins Gespräch mit den Einheimischen. Gebildet sind sie, weltgewandt und kunstbeflissen, die Athener. Kritik und Skepsis wurden hier erfunden und in alle Welt exportiert. Aber an die alten Göttermythen glaubt hier kaum noch jemand. Eher, dass die Vernunft es möglich macht, sich dem Wahren, Guten und Schönen zuzuwenden.

Paulus schlägt sich in seiner ersten Diskussion auf dem Markt in Athen so gut, dass er auf den Areopag eingeladen wird. Hier, unterhalb der Akropolis, wird nicht Smalltalk, sondern Politik gemacht und Recht gesprochen. Da wird es ernst:

Paulus stand nun mitten auf dem Areopag
und sagte: »Ihr Leute von Athen,
ich sehe, wie außerordentlich religiös
ihr in jeder Hinsicht seid.
Denn als ich hier umherging
und mir ansah, was ihr verehrt,
fand ich auch einen Altar mit der Inschrift:
›Der unbekannten Gottheit‹.
Was ihr nun im Bewusstsein, es nicht zu kennen,
verehrt, das verkündige ich euch.
Gott hat die Welt und alles in ihr gemacht,
herrscht über Himmel und Erde,
wohnt nicht in von Händen gemachten Tempeln,
lässt sich auch nicht von Menschenhänden versorgen,
hat nichts nötig, gibt doch selbst allen
Leben, Atem und alles. Gott machte
aus einem einzigen Menschen alles Menschenvolk,
zu beleben das ganze Antlitz der Erde,
bestimmte die Rhythmen der Zeit
und begrenzte die Räume zum Leben.
So sollten sie suchen, ob sie wohl Gott ertasteten
und fänden; ist Gott doch nicht fern
von jeder und jedem von uns.
Denn in Gott leben wir,
bewegen wir uns und sind wir.
So haben es auch einige von euch
poetisch zum Ausdruck gebracht:
›Denn von solcher Art sind auch wir.‹
Sind wir also von göttlicher Art,
dürfen wir nicht meinen, das Göttliche
gleiche Gold oder Silber oder Stein,
gestaltet durch menschliche Technik und Intuition.
Über die Zeiten der Ignoranz nun
hat Gott zwar hinweggesehen,
fordert aber jetzt Menschen überall auf, umzukehren.
Denn Gott hat einen Tag festgesetzt,
um an ihm die Menschheit gerecht zu richten
durch einen Mann, der dafür bestimmt
und gegenüber allen ausgewiesen ist,
weil Gott ihn von den Toten aufstehen ließ.«

Die Anspannung, der Missmut und die Ungeduld über das unfreiwillige Warten scheinen wie weggeblasen. Paulus hat etwas Positives entdeckt, etwas Verbindendes. Und das rückt er jetzt in den Mittelpunkt.

Paulus deutet den Altar ›Der unbekannten Gottheit‹ positiv: Als Fragezeichen hinter den vermeintlichen Gewissheiten der Athener. Der Altar markiert eine Leerstelle: Was habe ich übersehen? Gibt es noch mehr zu entdecken als das, was ich schon kenne?

Zugleich ist der bilderlose Altar Ausdruck einer Sehnsucht. Und die Sehnsucht ist eine besondere Art der Verbindung. Es gibt sie nur in den Beziehungen, in denen ich das Gegenüber nicht besitze und im Griff habe.

Der Altar des unbekannten Gottes ist das Eingeständnis, dass niemand alles wissen kann oder schon alles erkannt hat. Das Eingeständnis eines interessierten Nichtwissens. So sieht Paulus die Athener. Er sieht ihre Sehnsucht und sie ist ihm sympathisch. Gott nicht vollständig erkannt zu haben ist keine Schwäche, derer sich jemand schämen müsste. Statt belehrend und besserwisserisch aufzutrumpfen, betont Paulus noch einmal die Gemeinsamkeit, indem er einen damals bekannten und beliebten Dichter zitiert:

Denn in Gott leben wir,
bewegen wir uns und sind wir.
›Denn von solcher Art sind auch wir.‹

Gott will nicht verehrt werden. Als Gegenüber in einem statischen, moralisch geordneten System. Gott will erkannt und gelebt werden. Hier und heute. Gott ist das Geschehen, das sich in mir und durch mich ereignet. Mitten im Leben. Im Menschsein, das uns alle verbindet. Wir sind von göttlicher Art. Oder wie’s Meister Eckhart sagt:

Gottes Sein ist mein Leben.

Paulus lädt ein, hautnah zu spüren, dass ich nicht von Gott getrennt bin. Das berührt mein Herz. Und es bringt eine Sicht zum Ausdruck, die zum Kern meiner Theologie gehört. Deshalb werde ich nicht müde, es immer wieder zu sagen: Kein Mensch kann Gott los werden. Niemand ist gottlos. Ich glaube ganz fest an die Verwandlungskraft in allem. Denn im Suchen und Fragen

ist Gott doch nicht fern
von jeder und jedem von uns.

Aber Paulus geht noch einen Schritt weiter. Gott ist nicht nur mein Lebensgrund und der der Welt, sondern er verfolgt auch ein Ziel. Ja, du und ich, wir sind von göttlicher Art. Aber wir sind auch Menschen. Meine Existenz ist nicht nur voll Glanz, sondern auch brüchig, begrenzt und abgründig. Und dieser Zwiespalt wird im Leben, Leiden und Sterben des Jesus von Nazareth sichtbar. Denn so wie Gott in Jesus Gestalt war, gewinnt er hier und heute in einer jeden und einem jeden von uns Gestalt. Paulus reißt das nur knapp an, wie im Telegrammstil. Und die Athener haben erkennbar Mühe, ihm zu folgen.

Aber gerade da wird die Tür zu einer neuen Welt aufgemacht. Im Auferstandenen wird sie sichtbar, inmitten einer verkehrten Welt. Und Paulus lädt ein, durch diese Tür hindurch zu gehen. Aufzubrechen – wie Fulbert Steffensky sagt –

als sei Rettung möglich. Hoffnung garantiert
keinen guten Ausgang der Dinge. Hoffen heißt
darauf vertrauen, dass es sinnvoll ist, was wir tun.
Hoffnung ist der Widerstand gegen Resignation,
Mutlosigkeit und Zynismus.

Amen.

 

 


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