Weggemeinschaft!
Sacharja 8,23 - Gottesdienst in Verbundenheit mit dem Judentum

So spricht GOTT; mächtig über Heere:
»In jenen Tagen, kommen zehn Menschen
aus allen Sprachen der Nationen.
Sie ergreifen den Gewandzipfel
einer einzigen jüdischen Person.
Sie halten ihn fest und sagen:
„Wir wollen mit euch gehen;
denn wir haben gehört: Mit euch ist Gott.“«

Wer mit Gott zu tun haben will, sollte zusehen, mit Jüdinnen und Juden in Berührung zu kommen. Der Prophet Sacharja sieht voraus, dass das Menschen in allen Teilen der Erde eines Tages aufgehen wird. In unserer Kirche hat das bis 1998 gedauert. In diesem Jahr hat die Generalsynode festgehalten:

Die Evangelischen Kirchen wollen in der Beziehung zu Juden und Kultusgemeinden einen gemeinsamen Weg in eine neue Zukunft gehen. […] Der Christen Gott ist kein anderer als der Gott Israels, der Abraham in den Glauben gerufen und die versklavten Israeliten zu seinem Volk erwählt hat. Wir bekennen uns zur bleibenden Erwählung Israels als Gottes Volk.

Sacharja träumt schon vor zweieinhalbtausend Jahren davon, dass vielen Menschen aus allen Kulturen klar wird, dass unter allen denkbaren höheren Wesen und höchsten Mächten der Gott Israels die einzig nennenswerte Instanz ist. Und auch die einzige, der man sich ohne Angst nahen kann.

Aber sie lässt sich nicht überall und immer erkennen – weder durch scharfes Nachdenken noch durch Selbsterfahrung, Erlebnisse in der Natur oder Erforschung der Weltgeschichte. Israels Gott gibt sich zu erkennen in der Beziehungsgeschichte mit seinem Volk. Ihre Anfänge sind in den biblischen Schriften bezeugt. Die kann man nicht sehen. Wir haben gehört, sagen die aus den Völkern zu Jüdinnen und Juden, dass Gott mit euch ist. Und sie begnügen sich nicht damit, diese ihnen von Haus aus fremden Schriften zu studieren, sondern sagen sich: wenn Gott mit Jüdinnen und Juden ist, dann wird es gut sein, sich mit den Jüdinnen und Juden zusammenzutun, wenn wir unsererseits in Kontakt mit Gott kommen wollen: Wir wollen mit euch gehen.

Das Wort ‚gehen‘ zeigt an: Es geht nicht nur um Kontakte und Gespräche, sondern um Weggemeinschaft. Eine große, weltweite Bewegung sieht der Prophet da kommen.

Glauben heißt, im Tempo Gottes zu gehen.

Sagt Martin Buber einmal. Glauben als Weg, wenn auch am Rockzipfel von jemand anderem, gefällt mir besser, als sich vorzustellen, Gott sitzt im Himmel und wartet darauf, dass ich vorbeikomme. Mich dagegen an jemand anderen zu hängen, mich mitziehen zu lassen. Wer glaubt, kommt in Bewegung. Glaube, nach jüdischer und evangelischer Ansicht, lässt sich nicht erzwingen. So gesehen sind religiöse Praktiken kein Weg zum Glauben, sondern eher eine Einübung, ein Training.

Nicht zu viel zu wollen, lautet die Devise. Nicht zu viel zu erwarten, zu viel zu riskieren. Manche Buddhistinnen und Buddhisten würden sagen: Es geht um den mittleren Weg. Sich nicht einmauern in den Festungsturm eigener Rechtgläubigkeit. Sacharja predigt die offene Stadt, deren Mitte der Ewige ist. Er gibt der Stadt Profil und Sicherheit von innen her. Der Ewige weitet den Blick und schenkt Mut zur Offenheit. Glauben lässt sich nicht erzwingen. Er fällt einem eher zu wie ein Geschenk.

Dieses Geschenk wird mit Händen zu greifen sein: zehn Menschen aus der Völkerwelt werden einen einzigen jüdischen Menschen an seinem Gewandzipfel ergreifen. Am Kleiderzipfel tragen orthodoxe Juden bis heute besondere Fäden oder Quasten, die sie mitten im Alltag an Gottes Weisung und seine neue Welt erinnern sollen: ‚Unser Leben hat einen tiefen Sinn. Auch im Alltäglichsten ist Gott dabei.‘ Das drücken die Fäden am jüdischen Gewandzipfel aus. Auch Jesus hat sie selbstverständlich getragen; die Evangelien weisen deutlich darauf hin. Und hier heißt es, dass auch Nichtjuden angelaufen kommen, weil sie lernen wollen, in der Nähe dieses Gottes zu leben

Vielleicht findet die eine oder der andere diese Szenerie grotesk: Wie da zehn Leute zugleich einen Gewandzipfel in die Hand kriegen wollen. Manche wird sie an Situationen auf Kirchentagen erinnern, die jüngeren eher an gehypte Popkonzerte. Leicht vorstellbar, dass das den Betroffenen zu viel der Anhänglichkeit ist oder gar lästig wird. Doch die Vision, die leiblich konkret und praktisch ist, zeigt die Dringlichkeit des Wunsches: mit Jüdinnen und Juden gemeinsam unterwegs zu sein. Sie zeigt auch Zahlenverhältnisse: eine übergroße Mehrheit will nicht länger eine sehr kleine Minderheit gleichschalten, zur Assimilation zwingen oder gar beseitigen, sondern sich an ihr orientieren, mit ihr gehen. Am Gewandzipfel hängen – das wird von Kindern gesagt, die noch nicht selbständig sind. Die Leute aus den Völkern hier bestehen nicht länger darauf, eigenständig und mündig zu sein; sie stehen dazu, auf die Weg- und Lebensgemeinschaft mit Jüdinnen und Juden angewiesen zu sein.

Das Wort, das Sacharja gehört und weitergesagt hat, ist eine Vision für unsere Kirche, auch für unsere Gemeinde. Jahrhundertelang waren Menschen aus allen Teilen der Erde zwar bereit, sich mit Gott versöhnen zu lassen. Aber sie wollten partout nichts zu tun haben mit seinem Volk. Mit Jüdinnen und Juden. Was wurde da nicht alles gelehrt, um das zu begründen: dass Gott sein Volk verstoßen habe, die Jüdinnen und Juden also nicht mehr Gottesvolk sind; dass Jesus von einem ganz anderen Gott redet als von dem Gott des sogenannten Alten Testaments; dass Gott mit den Seinen einen neuen Bund geschlossen habe, sie das neue Gottesvolk sind.

Manche Christinnen und Christen glauben, denken und sagen das noch immer. Es ist höchste Zeit, das zu ändern – nicht nur theologisch-theoretisch, sondern ganz praktisch: in unserem Leben, auch in unserem Gemeindeleben. Drei Beispiele dazu:

  1. Wenn wir im Gottesdienst einen Psalm sprechen, dann tun wir das nicht anstelle von Israel, sondern mit Jüdinnen und Juden. Das kann ganz schlicht zum Ausdruck kommen. So wie heute bei der Einleitung zum Psalmgebet: ‚In Verbundenheit mit dem Volk Israel stimmen wir ein.‘ Dadurch bekommt christlicher Absolutheitsanspruch eine heilsame Beschränkung. Im Nachsprechen des Psalms wird deutlich, dass wir zwar gemeint sind, aber zum Glück nicht wir allein.
  2. Feinfühlig zu sein bei der Liedauswahl. Die meisten von euch kennen das Lied „Lobe den Herren“ mit dem Text von Joachim Neander aus dem Jahr 1680. Es steht im Gesangbuch unter der Nummer 317. Eine Nummer zuvor ist die ökumenische Fassung des Textes zu finden. Sie ist ein Musterbeispiel für evangelisch-katholische Einigung auf Kosten von Jüdinnen und Juden. Die vage Formulierung „mit allen, die seine Verheißung bekamen“ in der fünften Strophe statt des ursprünglichen „mit Abrahams Samen“ zeigt das Bedürfnis, Gott nicht zusammen mit seinem Volk Israel zu loben. Ist das Israelvergessenheit auf Kosten einer leichter verständlichen Sprache? Ich empfinde es eher als Israelverdrängung!
  3. Wie rede ich von der jüdischen Heiligen Schrift? Sage ich weiterhin Altes Testament, wie ich’s einmal gelernt habe. Und impliziere damit eine christliche Überlegenheit, weil wir ja ein Neues Testament haben. Oder gewöhne ich mir aus Respekt gegenüber Jüdinnen und Juden zum Beispiel an Erstes Testament zu sagen?

So lerne ich mein Christsein neu sehen. Ich lebe in Verbundenheit mit meinen älteren Geschwistern im Glauben, den Jüdinnen und Juden. Im Respekt vor ihrem Glauben. Ohne Angst, verschieden zu sein. Ich entdecke, dass das Neue oder besser Zweite Testament nichts Neues bringt, was nicht schon im Ersten aufscheint. Ich lerne neu sehen, dass Gott in Jesus aus Nazareth die Wege geebnet hat, auf denen ich als Nichtjude zum Gott Israels dazu kommen darf. In ihm erlebe ich die Anziehungskraft des jüdischen Gottesglaubens und sage mit Sacharja:

„Wir wollen mit euch gehen;
denn wir haben gehört: Mit euch ist Gott.“

Amen.

 


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