Ich will zugrunde gehen.
Lukas 5,4
 - 5. Sonntag nach Trinitatis

Ich will nichts mehr für mich.
Ich will zugrunde gehen.
Zugrund – das heißt zum Meer,
dort find ich Böhmen wieder.
Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf.
Von Grund auf weiß ich jetzt,
und ich bin unverloren.

Diese Zeilen stammen aus Ingeborg Bachmanns spätem Gedicht „Böhmen liegt am Meer“. Es entsteht nach zwei Pragreisen und reflektiert die Erfahrungen nach der Trennung von Max Frisch. Scheitern ist unvermeidlich. Es gehört zum Leben und kann zu einem tieferen Erkennen seiner selbst führen. Die Utopie eines Böhmen am Meer höre ich als Hoffnung, dass im Scheitern ein neuer Anfang liegen kann.

Wenn Lebenspläne erschüttert werden, holt einen die Angst ein. Die Angst, dass ich daran zugrunde gehe. Wenn ich dem tieferen Sinn dieser Worte nachgehe, erkenne ich in der Angst vor dem ‚Zugrunde gehen‘ die Herausforderung, den Ängsten auf den Grund zu gehen. Es ist die Einladung, bei und in sich selbst in die Tiefe zu gehen – hinabzusteigen in die eigenen Abgründe. Und zu so einem Prozess lädt Jesus im Lukasevangelium ein:

»Fahre hinaus in tieferes Wasser!«

Nach einer erfolglosen Nacht lockt Jesus noch einmal aufs galiläische Meer hinaus. Verrückt, Simon und seine Gefährten sind müde und frustriert. Die Netze sind leer geblieben, aber die Fischer sind auch innerlich leer: da ist nichts mehr, was Sinn macht, Würde schenkt und den Lebenshunger stillt. Gegen alle Erfahrung sollen sie jetzt am helllichten Tag fischen.

»Fahre hinaus in tieferes Wasser!«

Diese Aufforderung hört sich zunächst paradox und weltfern an. Aber sie zeigt, dass Jesus nicht am Äußerlichen und Oberflächlichen hängen bleibt. Er spürt die Sehnsucht von Simon, seine stille Hoffnung auf einen guten Fang. So spricht er ihm aus dem Herzen und ermutigt ihn. Und schickt ihn hinaus aufs Meer. Es ist die Einladung, nicht am Rande zu verharren, sondern mutig ins Leben hinauszuziehen, zum Kern einer Sache vorzudringen – und noch viel mehr: zu sich selbst, zu seinem eigenen Grund zu gelangen.

Ich will nichts mehr für mich.
Ich will zugrunde gehen.

Erst in dem Augenblick, als Simon „nichts mehr“ für sich selber will, kommt Böhmen in Sicht, die Hoffnung auf Veränderung. Und dort landet niemand, der zuvor nicht „zugrunde“ gegangen ist. Als aber die Veränderung in den übervollen Netzen Gestalt gewinnt, gelangt Simon in eine Zerreißprobe, die ihm alles abverlangt. In eine Dynamik, die er als beschämend empfindet – zunächst zumindest. Weil er mit einer so überwältigenden Erfahrung nicht gerechnet hat.

»Geh fort von mir!
Ich bin ein Mensch, der voller Schuld ist.«

Diese beiden Sätze reden von der Verzweiflung darüber, sich wertlos zu fühlen. In ihnen drückt sich aber auch die Zuneigung Simons zu Jesus aus. Und er hat Angst, dass Jesus ihn verletzten könnte. Die beiden Sätze sind ein Wegstoßen, das den anderen darum bittet, von sich aus bei mir zu bleiben. Es ist alles gefallen, was schützen könnte. Was bleibt ist eine Heidenangst. Und Jesus nimmt Simon diese Angst mit den uns vertrauten Worten: »Hab keine Angst!« So wird er aus der Angst befreit, in die er sich hineingewagt hat.

Johannes Tauler beschreibt diese ungewollte Erfahrung als Fallen in den inneren Abgrund. Jedes Gefühl, das dabei auftaucht, vor allem die Angst, die hochkommt, sei „auszuleiden“. Nur so kann ich immer tiefer in den Abgrund „aufsteigen“. Eine paradoxe Formulierung. Wie kann der finstere Weg in die Tiefen des Abgrundes ein Aufstieg sein? Tauler meint damit die Erfahrung der Ausweglosigkeit in der Krise. Und genau hier beginnt der Aufstieg: eine qualitativ neue Erkenntnis, eine Veränderung der inneren Haltung. Ein Spüren bis in den tiefsten Grund. Meist erst im Nachhinein wird es mir als Abenteuer einer erneuernden Selbsterfahrung bewusst. Dieser kompromisslose Weg nach innen folgt keinem vorhersehbaren Programm.

»Fahre hinaus in tieferes Wasser!«

Das verlangt Kraft und Mut, vor allem Vertrauen. Gegen selbstverständliches Wissen versuche ich es noch einmal. Ich tue nach wie vor nichts Anderes als zuvor, nur auf neue Weise und tiefergehend. Ich agiere nicht mehr im nächtlich Dunklen und Dumpfen. Im hellen Licht des Tages erkenne ich mich ganz. Sich dem eigenen Abgrund nicht zu entziehen, heißt, ihm Wert zu geben. Und in ihm mich zu finden, heißt, beschenkt zu werden ohne es zu verdienen.

Bin ich’s, so ists ein jeder,
der ist soviel wie ich.
Ich will nichts mehr für mich.
Ich will zugrunde gehn.
Zugrund – das heißt zum Meer,
dort find ich Böhmen wieder.
Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf.
Von Grund auf weiß ich jetzt,
und ich bin unverloren.

Amen.

 


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