Von neuer Herzens-Normalität
Jeremia 31,31-34 (6. Sonntag nach Ostern – Exaudi)

Ist das jetzt schon die „neue Normalität“? Ich hoffe nicht. Normalität ist ja ohnehin nur der Zustand, bei dem man vergessen hat, wie unnormal er einmal gewesen ist. Die von den uns Regierenden geprägte „neue Normalität“ ist ein angstbesetzter Begriff. Er will uns glauben machen, dass es eine heile Welt geben könnte. Eine heile Welt wird uns in Aussicht gestellt, wenn wir uns nur weiter einer Distanz unterwerfen, die einsam macht und die uns suggeriert, dass wir einander mit und ohne Maske zu nahe kommen.

Im 31. Kapitel beim Propheten Jeremia begegnet mir eine andere Normalität. Eine, die auf Vertrauen fußt. Eine, die auf die Frage, wie es denn jetzt weitergeht, eine überraschende Perspektive eröffnet:

31 Gebt Acht, die Zeit wird kommen, –
so GOTTES Spruch – da will ich
mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda
einen neuen Bund schließen. 32 Dieser Bund
gleicht nicht dem Bund, den ich mit ihren Eltern
geschlossen habe an dem Tag, als ich sie
an ihrer Hand nahm, um sie aus dem Land Ägypten
herauszuführen: diesen meinen Bund konnten sie
brechen, obwohl ich über sie geboten habe –
so GOTTES Spruch. 33 Sondern so
wird der Bund aussehen, den ich mit dem Haus Israel
nach jener Zeit schließen will: – so GOTTES Spruch –
Ich werde meine Weisung in ihr Inneres legen,
in ihr Herz werde ich sie schreiben.
Ich werde ihnen GOTT und sie werden mir Volk sein.
34 Sie werden einander nicht mehr belehren
und weder zu den Mitmenschen
noch unter den Geschwistern sagen:
Lerne GOTT kennen! Denn sie alle werden mich kennen,
alle von Klein bis Groß – so GOTTES Spruch. –
Denn ich werde ihre Vergehen verzeihen
und an ihre Unrechtstaten nicht mehr denken.

Gebt Acht! – So beginnt die ungewöhnliche Rede bei Jeremia. Achtsam und aufmerksam sollen die Menschen sein. Die Zeit für Neues wird kommen. Aber das Neue kommt nicht per Verordnung – auch nicht durch göttliche Verordnung. Es folgt nicht Kurven oder Fallzahlen. Und neu ist es nicht im Sinn von: jetzt wird’s besser. Das Neue daran ist auch nicht, dass es um etwas ganz Anderes gehen würde. Neu ist die Beziehung zwischen Gott und Menschen in der Verwirklichung. Hier wird Gott radikal neu gedacht.

Und dem Buch Jeremia spüre ich diese Veränderung in der Sichtweise Gottes und der Menschen auf Schritt und Tritt an. Bis zum 28. Kapitel ist nur von Unheil und Strafe die Rede. Immer wieder ruft der Prophet die Menschen zur Umkehr. Er mahnt, sich an Gottes Leben schaffende Weisung zu erinnern. Schließlich prophezeit er den Untergang. Doch dann, inmitten der Katastrophe, in der Zeit des babylonischen Exils, kommen von ihm diese ganz andere, tröstliche und Zuversicht ausstrahlende Töne. Gott will es weiter mit euch zu tun haben. Er bleibt an eurer Seite. Gott ist seinen Menschen fest verbunden, ein treuer Verbündeter für immer:

So wird der Bund aussehen, den ich mit dem Haus Israel
nach jener Zeit schließen will: – so GOTTES Spruch –
Ich werde meine Weisung in ihr Inneres legen,
in ihr Herz werde ich sie schreiben.
Ich werde ihnen GOTT und sie werden mir Volk sein.

Eine unglaubliche Leichtigkeit und Lebendigkeit liegt für mich in diesen Worten. Eine Leichtigkeit und Lebendigkeit, die ansteckend wirkt. Weil Gott mit einem Mal nichts Äußerliches und Abgehobenes mehr ist. Keine Autorität von außen, die ich fürchten müsste. Gott ist keinem von uns mehr fern. Seine Nähe und Begleitung zeigen sich in dir und in mir selber. Es ist ein inneres Geschehen. Von Herz zu Herz. Und das wirkt weiter auf das Miteinander von Mensch zu Mensch. Eine neue Verbindung unter uns entsteht:

Sie werden einander nicht mehr belehren
und weder zu den Mitmenschen
noch unter den Geschwistern sagen:
Lerne GOTT kennen! Denn sie alle werden mich kennen,
alle von Klein bis Groß
– so GOTTES Spruch.

Weil Gott dich und mich erfüllt, begegnen wir einander auf Augenhöhe. Ich brauche niemand mehr Gott beibringen. Diese wegweisende und egalitäre Sicht ist im Lauf der Jahre zu einem Kernstück meiner Theologie geworden: Es gibt keinen gottlosen Menschen. Kein Mensch kann Gott loswerden. Das leugnet nicht, dass die Wirkkraft Gottes in mir wie zugeschüttet sein kann. Menschen können sich in einer destruktiven Spirale von Ich-Zentriertheit und Gewalt verlieren. Aber Gott vertrauen bedeutet, an die Verwandlung einer jeden und eines jeden zu glauben. Darin zeigt sich das Neue!

Bei diesen Gedanken kommt mir ein Tagebucheintrag des US-amerikanischen Trappistenmönchs Thomas Merton in den Sinn:

Vielleicht bin ich stärker, als ich denke.
Vielleicht fürchte ich mich vor meiner Stärke
und wende sie gegen mich,
um mich selbst schwach zu machen.
Vielleicht fürchte ich am meisten
die Stärke Gottes in mir.

Die Spannung zwischen Angst und Vertrauen im Blick auf die Wirkmächtigkeit Gottes zieht sich wie ein roter Faden durch das Jeremiabuch. Schon zu Beginn windet sich Jeremia voller Selbstzweifel: Ich kann doch nicht reden, ich bin noch so jung. (1,6) Dieses existentielle Ringen befreit mich von der irrtümlichen Allmachtsfantasie, immer zweifelsfrei unterwegs sei zu müssen.

Verunsicherungen und Verlorenheit gehören zu meinem Leben. Wo ich sie mir eingestehen kann, da wächst Vertrauen. Wer in aller Aufrichtigkeit zu ihrer und seiner Schwäche steht, in der und dem kann Gottes Stärke Raum finden und sich entfalten. Dann werde ich berührt, herausgefordert und erfüllt von Gottes Wort. Seine Herzens-Weisung erreicht mich ganz neu, obwohl sie schon in mir zu Hause ist. Dadurch wird die Verbundenheit mit ihm und untereinander erneuert. Wie anders könnte unsere Welt sein, wo uns das zur Richtschnur dient. Wo es – mit Hilde Domin gesprochen – normal ist, hellwach dieser Einladung zu folgen:

Schlage dich auf die Seite
der lichten Kräfte.

Steh ihnen bei im Kampf
Schulter an Flügel.

Mehr kannst du nicht tun.
es ist sehr viel.

Amen.

 


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