Wir sind Königskinder
1.Johannes 3,1-2 (Christfest)

Soll ich mein letztes End und ersten Anfang finden,
so muss ich mich in Gott und Gott in mir ergründen
und werden das, was er: ich muss ein Schein im Schein,
ich muss ein Wort im Wort, ein Gott in Gotte sein.

So dichtet der schlesische Mystiker Angelius Silesius im 17. Jahrhundert in seinem "Cherubinischen Wandersmann". Seine provokanten Texte bringen ihn in Schwierigkeiten. Mich führen die paradoxen Zeilen zum Kern von Weihnachten.

Denn es gibt eine Erkenntnis in uns selbst, die wahrnimmt, dass das Lebendige in uns das Göttliche ist. Gott ist in uns und wir sind in Gott, dem Lebendigen. Daraus wächst der Wunsch, sich dem Bild Gottes zu nähern. Den Schein des Lichtes widerzuspiegeln. Das Wort im Wort weiterzugeben. Und Gott selbst im Lebendigen zu werden.

Das ist das Wichtigste zu Weihnachten. Im 1. Johannesbrief liest sich das so:

Seht doch, wie groß die Liebe ist,
die Gott uns geschenkt hat:
Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es tatsächlich.
Doch diese Welt weiß nicht, wer wir sind.
Denn sie hat Gott nicht erkannt.

Das Kind in der Krippe ist wirklich ein göttliches Wesen. Und wir feiern Weihnachten, damit wir begreifen, was Meister Eckhart so gesagt hat:

Alles, was die Heilige Schrift über Christus sagt,
das bewahrheitet sich völlig
an jedem guten und göttlichen Menschen.

Wer also den eigenen Weg mit Christus gehen will, ist auch selbst wirklich ein Kind Gottes. Wer sein wahres Wesen sieht, sagt nicht etwa: »Ich könnte ein Kind Gottes werden.« Nein! Klar und deutlich und ohne Einschränkung erkenne ich: Der Ursprung meines Lebens liegt in Gott. Wir feiern Weihnachten, damit wir bei aller Erdhaftigkeit und Begrenztheit doch merken: Kinder Gottes sind wir!

Damit sagt der Johannesbrief: Es gibt eine Zugehörigkeit, die unverlierbar ist. Daran kann ich Orientierung finden: Maßstab und Halt. Darin ist eine Würde begründet, die einem niemand nehmen kann. Mir nicht und dem und der Anderen auch nicht.

Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es tatsächlich.

Du bist ein Kind der Liebe Gottes. Eine jede und ein jeder eine göttliche Liebeserklärung an die Welt: erkannt von ihm, noch ehe du geboren warst, gegründet in einem großen Versprechen. Deshalb bleibst du in der Welt auch immer ein bisschen fremd. Aber lass dich nicht gefangen nehmen von weltlichen Maßstäben und Verlockungen. Du und ich, wir haben einen anderen Ursprung, unsere eigentliche Würde:

Ihr Lieben, jetzt sind wir Kinder Gottes.
Aber was wir einmal sein werden,
ist noch gar nicht sichtbar.
Wir wissen jedoch:
Wenn es offenbar wird, werden wir Gott ähnlich sein.

Doch ich bleibe skeptisch. Das Gotteskindsein ist einem nicht anzusehen. Noch liegt im Dunkeln, was einmal werden soll. Noch schlage ich mich herum mit all den alten Fragen nach Zukunft und Sinn. Noch ringe ich mit dem Leben, denn es währt nicht ewig. Noch trifft mich mancher Schicksalsschlag. Noch werde ich schuldig und weiß darum. Und die Zukunft – dieser ungespurte Weg – wirkt oftmals eher bedrohlich, denn als lichtes Versprechen.

Nein, was wir einmal sein werden, ist noch gar nicht sichtbar. Aber das Wunder von Weihnachten hat offensichtlich alles verändert. Diese Nacht, in der Gott und Mensch zusammenfinden: in dem Kind in der Krippe. In dieser Nacht hat Gott sich uns gezeigt. Sein Gesicht im Gesicht eines Kindes! Ein Überschuss an Erwartungen wird in diese Geschichte des göttlichen Erstgeborenen eingetragen. Eine Erwartung, die Martin Luther in seiner Freiheitsschrift von 1520 so beschreibt:

Wie nun Christus die Erstgeburt innehat mit ihrer Ehre und Würde, ebenso teilt er sie allen seinen Christen mit, dass sie durch den Glauben auch alle Könige […] mit Christus sind. […] Das ist eine ganz besonders hohe Würde und eine wirklich allmächtige Herrschaft, ein geistliches Königreich, in dem es kein Ding so gut, so böse gibt, das nicht mir zugute dienen muss, wenn ich glaube – und ich bedarf seiner doch nicht, sondern mein Glaube ist mir genug. Siehe, was ist das für eine köstliche Freiheit und Macht der Christen!

Aus dieser königlichen Freiheit des Glaubens kommen auch du und ich noch einmal neu zur Welt. Statt erwachsen zu sein, darf ich wachsen. Statt fertig zu sein, darf ich werden. Es ist, als zöge diese Geburt mich hinein in eine Bewegung, die mich nicht lässt, wie ich bin. Hirten verlassen ihre Herden, Kundige fallen vor einem Kind auf die Knie. Und ich, ich hebe an diesem Morgen meinen Blick und erkennen im Menschen von Nazareth den Bruder, den göttlichen Grund der Welt. So öffnet sich das Herz für Gott und für die Menschen neben mir:

Seht doch, wie groß die Liebe ist,
die Gott uns geschenkt hat:
Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es tatsächlich.

Amen.


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