Geh dir auf den Grund!
Lukas 5,1-11
(5. Sonntag nach Trinitatis)

Geh zu Grunde! Geh deiner Angst vor Liebesentzug auf den Grund. Geh deiner Überaktivität auf den Grund. Es wird unendlich wehtun: Echte Heilung ist ohne Schmerz unmöglich! Geh deiner verbotenen Wut auf den Grund, schrei sie heraus, […] damit du wieder lebendig wirst und aufrecht gehen kannst.

Das schreibt der Schweizer Autor und Theologe Pierre Stutz während einer zweijährigen Lebenskrise in sein Tagebuch. Die Sätze sind inspiriert von Johannes Tauler, einem Dominikanermönch aus Straßburg im 14. Jahrhundert. Er war ein beliebter Prediger und begabter Seelsorger. In seiner Lebensmitte gerät er durch die Rückmeldung eines Gottesdienstteilnehmers in eine tiefe Krise. Der Vorwurf, dass er nicht lebe, was er predige, lässt ihn verstummen; er kann zwei Jahre lang nicht mehr predigen.

Wenn Lebenspläne erschüttert werden, holt einen die Angst ein. Die Angst, dass ich daran zugrunde gehe. Der Straßburger Mystiker geht dem tieferen Sinn dieser Worte nach. Er erkennt in der Angst vor dem ‚Zugrunde gehen‘ die Herausforderung, den Ängsten auf den Grund zu gehen. Es ist die Einladung, bei und in sich selbst in die Tiefe zu gehen – hinabzusteigen in die eigenen Abgründe. Von so einem Prozess erzählt auch das Lukasevangelium im fünften Kapitel:

Einmal, als sich viele Leute um ihn scharten,
um das Wort Gottes zu hören, stand Jesus
am Ufer des Sees Gennesaret. Er sah zwei Boote
am Wasser aufgestellt. Die gefischt hatten,
waren ausgestiegen und wuschen die Netze.
Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte,
und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren.
Nun setzte er sich hin, um die Scharen
vom Boot aus zu lehren. Als er zu sprechen
aufgehört hatte, sagte er zu Simon:
»Fahr zum tiefen Wasser hinaus.
Dort werft eure Netze aus, um einen Fang zu machen!«
Simon gab aber zur Antwort: »Meister,
wir haben die ganze Nacht über geschuftet
und nichts gefangen. Aber ich werfe die Netze aus –
auf dein Wort!« Als sie dies getan hatten,
zogen sie eine riesige Menge Fische zusammen,
so dass ihre Netze zu zerreißen drohten.
Sie winkten ihren Gefährten,
sie sollten mit dem anderen Boot kommen,
um den Fang gemeinsam zu heben. Sie kamen
und füllten beide Boote so voll, bis diese sanken.
Als Simon Petrus dies sah, warf er sich
vor die Knie Jesu und rief: »Fahr aus von mir!
Ich bin ein Sünder, Herr!« Ein Schrecken
hatte ihn erfasst, ihn und alle, die mit ihm
beim Fang der Fische zusammengearbeitet hatten –
so auch Jakobus und Johannes, Söhne des Zebedäus,
die Fangpartner des Simon waren. Jesus aber
sagte zu Simon: »Fürchte dich nicht,
von nun an wirst du einer, der Menschen fängt!«
Und sie zogen die Boote aufs trockene Land,
ließen alles liegen und folgten ihm nach.

Auf den ersten Blick eine idyllische Szene, die sich da am See von Galiläa abspielt: Jesus steigt in ein Boot. Er lässt sich ein wenig hinausfahren und nutzt so die gute Akustik der Bucht. Dann setzt er sich nach jüdischer Sitte wie ein Lehrer zum Vortrag. Und es geht auf: die Leute hören ihm zu. Doch die Idylle ist trügerisch, denn bei dieser Szene ist überhaupt nichts in Ordnung.

Allein wenn ich mir den See vor Augen führe, ist das deutlich: er liegt über 200 Meter unter dem Meeresspiegel, ist 46 Meter tief und von Bergen umgeben, die auf 400 bis 500 Meter hoch aufsteigen. Der Wasserreichtum und das warme Klima verwandeln die Gegend um See in ein kleines fruchtbares Paradies. Aber durch die ihn umgebenden Berge hat dieser fischreiche See auch seine Tücken. Durch starke Winde, die urplötzlich auftreten können, verwandelt sich die ruhige See ganz schnell in ein gefährliches, stürmisches Gewässer.

Stürmisch geht’s auch im Innersten des Fischers Simon zu. Das Lukasevangelium richtet seine Aufmerksamkeit in dieser Szene ganz auf ihn. Nach einer erfolglosen Nacht rät ihm Jesus noch einmal hinauszufahren. Ein unbequemer Auftrag, wenn man’s mit dem Verstand und unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet. Er und seine Gefährten sind müde und frustriert. Die Netze sind leer geblieben, aber Simon und die anderen sind auch innerlich leer: da ist nichts mehr, was Sinn macht, Würde schenkt und das Leben erfüllt. Als erfahrene Fischer sollen sie sich jetzt von Jesus gegen alle Erfahrung anleiten lassen am helllichten Tag zu fischen.

»Fahr zum tiefen Wasser hinaus.« – Diese Aufforderung hört sich zunächst paradox und weltfern an. Aber sie zeigt, dass Jesus nicht am Äußerlichen und Oberflächlichen hängen bleibt. Er spürt offensichtlich die Sehnsucht von Simon, seine stille Hoffnung auf einen guten Fang. So spricht er ihm aus dem Herzen und ermutigt ihn. Und schickt ihn hinaus auf den See. Es ist die Einladung, nicht am Rande zu verharren, sondern mutig ins Leben hinauszuziehen, zum Kern einer Sache vorzudringen – und noch viel mehr: zu sich selbst, zu seinem eigenen Grund zu gelangen.

Und Simon macht die Erfahrung, dass es gut ist, auf die Stimme Jesu als Stimme des Herzens zu hören. Er fährt hinaus — und macht den Fischfang seines Lebens. Durch dieses erfüllende Wunder gelangt er in eine Zerreißprobe, die ihm alles abverlangt. In eine Dynamik, die Simon als beschämend empfindet – zunächst zumindest. Weil er mit einer so überwältigenden Erfahrung nicht gerechnet hat.

»Fahr aus von mir! Ich bin ein Sünder!« Diese beiden Sätze reden von der Verzweiflung darüber, sich wertlos zu fühlen. In ihnen drückt sich aber auch die Zuneigung Simons zu Jesus aus. Und er hat Angst, dass Jesus ihn verletzten könnte. Die beiden Sätze sind ein Wegstoßen, das den anderen darum bittet, von sich aus bei mir zu bleiben. Es ist alles gefallen, was schützen könnte. Was bleibt ist eine Heidenangst.

Das Lukasevangelium zeigt auf diese Angst. Es macht klar, dass das nicht der staunende Schreck ist, der in alle gefahren ist. Sondern es ist Simon, der sich niederwirft und sagt: »Fahr aus von mir! Ich bin ein Sünder!« Und Jesus nimmt Simon diese Angst mit den uns vertrauten Worten: »Fürchte dich nicht!« So wird er aus der Angst befreit, in die er sich hineingewagt hat.

Johannes Tauler beschreibt diese ungewollte Erfahrung als Fallen in den inneren Abgrund. Jedes Gefühl, das dabei auftaucht, vor allem die Angst, die hochkommt, sei „auszuleiden“. Nur so kann ich immer tiefer in den Abgrund „aufsteigen“. Eine paradoxe Formulierung. Wie kann der finstere Weg in die Tiefen des Abgrundes ein Aufstieg sein? Tauler meint damit die Erfahrung der Ausweglosigkeit in der Krise. Und genau hier beginnt der Aufstieg: eine qualitativ neue Erkenntnis, eine Veränderung der inneren Haltung. Ein Spüren bis in den tiefsten Grund. Meist erst im Nachhinein wird es mir als Abenteuer einer erneuernden Selbsterfahrung bewusst.

Dieser kompromisslose Weg nach innen folgt keinem vorhersehbaren Programm. »Fahr zum tiefen Wasser hinaus.« Das verlangt Kraft und Mut, vor allem Vertrauen. Gegen selbstverständliches Wissen versuche ich es noch einmal. Ich tue nach wie vor nichts Anderes als zuvor, nur auf neue Weise und tiefergehend. Ich agiere nicht mehr im nächtlich Dunklen und Dumpfen. Im hellen Licht des Tages erkenne ich mich ganz. Sich dem eigenen Abgrund nicht zu entziehen, heißt, ihm Wert zu geben. Und in ihm mich zu finden, heißt, beschenkt zu werden und es vielleicht nicht zu verdienen.

Wie Simon am See von Galiläa wird auch dir und mir zugemutet nicht an der Oberfläche zu bleiben. Sondern in der Weite und Tiefe des Lebens sich selbst zu finden. Das ist die unersetzbare Voraussetzung für die Begegnung mit Gott, wie sie Teresa von Avila schon vor fast 500 Jahren formuliert hat:

Gotteserkenntnis ist ohne Selbsterkenntnis nicht möglich.

Amen.


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