Liebend unterwegs
1.Johannes 4,12 – 3. Sonntag nach Ostern (Jubilate) mit Feier von Konfirmationsjubiläen

 

Du hattest dich dazumal
darauf verlassen,
dass deine Geschöpfe
Gehilfen dir würden.
O weh.

So schreibt die jüdische Dichterin Mascha Kaléko in einem kurzen Dialog mit Gott. Ihre Worte haben mir eine Komödie von Yasmina Reza in Erinnerung gerufen. In dem Stück versuchen zwei Elternpaare, den Streit ihrer Söhne zu klären. Immerhin hat der eine dem andern zwei Zähne ausgeschlagen, wenn auch wohl nicht absichtlich. Beide Elternpaare sind guten Willens, höflich und zivilisiert. Alle vier sind gebildet, haben anspruchsvolle Berufe, sind gesellschaftlich engagiert.

Im Lauf des Stücks entgleisen die gesellschaftlichen Spielregeln. In das höflich interessierte Gespräch mischen sich erste Zeichen von Ungeduld. Zunehmend aggressivere Unterstellungen lassen das Klima kippen. Da wird körperlich reagiert. Ein Handy landet in der Blumenvase. Der Inhalt einer Handtasche fliegt durch die Wohnung. Rituale wie gemeinsames Essen und Trinken verschlimmern die Sache nur. Und auch der Tulpenstrauß entgeht nicht seiner Vernichtung.

Das Publikum lacht schallend über gelungene Wortspiele und das sich steigernde Drama. Wir lachen ja immer auch ein Stück weit über uns selbst, weil wir uns selbst wiedererkennen, wenn auch köstlich komödiantisch überzeichnet. Aber Yasmina Reza hat genau hingehört: Die Abgründe, die sich da auftun, sind wahre Verzweiflung über die eigenen Grenzen, wahre moralische Besserwisserei, wahres Beziehungselend und wahre Arroganz. Und es verwundert niemanden, wenn schließlich der Anwalt zynisch erklärt:

Ich glaube an den Gott des Gemetzels.
Das ist der einzige Gott,
der seit Anbeginn der Zeiten uneingeschränkt herrscht.

Er hat die Fakten auf seiner Seite. So weit, so wahr und verstörend – und zum Glück ja nur ein Theaterstück! Aber wo bleibt da – bei aller bissigen Komödie – das Gute im Menschen? Was habe ich denn erwartet? So schnell geht es doch wirklich, dass die dünne Schicht aus Erziehung, Bildung und Kultur platzt, dass darunter starke Gefühle und noch stärkere Grundverhaltensmuster das Steuer übernehmen. Die Komödie erzählt nichts Neues. Sie tut es nur sehr pointiert. Und die Zuspitzung macht es besonders spannend, sich das Gemetzel aus sicherer Distanz anzuschauen.

Es ist wahrscheinlich so: Menschen, die aus sich selbst heraus versuchen, gut zu sein, scheitern. Ein Blick in die griechische Bibel bestätigt das. Paulus hält menschliches Erkennen nur für möglich, weil wir von Gott erkannt wurden. Wir haben uns nicht selbst erschaffen. Nur als Gottes geliebte Geschöpfe können wir etwas ausrichten im Leben. Aber als neue Schöpfung in Christus können wir die Botschaft der Versöhnung in die Welt tragen. Und im 1. Johannesbrief steht:

Niemand hat Gott jemals gesehen.
Aber wenn wir einander lieben,
bleibt Gott mit uns verbunden.
Dann hat seine Liebe in uns ihr Ziel erreicht.

Wenn die Liebe mich findet, wird das Leben neu. Da tut sich ein Horizont jenseits des Gemetzels auf. Das ist meine tiefste Hoffnung: dass die Liebe Gottes sich immer neu ereignet in unserem Lieben. Dass ich Gott nötig habe, ist offensichtlich. Aber Gott braucht auch dich und mich. Er kommt immer neu zur Welt in meiner Liebeskraft. Von dieser mystischen Grundhaltung ist der 1.Johennesbrief erfüllt.

Zugleich wehrt er allen Versuchen und Versuchungen, über Gott und die von ihm ausgehende Liebe verfügen zu wollen. Gott hält sich verborgen, weil Gott will, dass ich ihn suche in den Tiefen und Niederungen des Alltags. Und ich finde ihn, wenn ich andere annehme in ihren Stärken und Schwächen.

Das ist nicht immer so leicht, wie sich’s hier sagt. Immer wieder komme ich an meine Grenzen. Aber Jesus ist mir ein Lehrmeister einer Liebe ohne primären Eigennutz. Er ist offen auf Menschen zugegangen und ihnen wertschätzend begegnet. Auch in ihrem Scheitern.

Seitdem sind Gott und seine Liebe untrennbar mit Jesus verbunden. In ihm hat sich Gott auf seine Liebe festnageln lassen. Sie ist in ihrer vollkommenen Gestalt sichtbar geworden.

Der 1.Johannesbrief entfaltet das in großer Klarheit. Im Leben, Sterben und Auferstehen Jesu wird sichtbar: Gottes Liebe lässt sich nicht durch den Tod begrenzen, nicht einschränken. Deshalb ist kein Mensch von Gott getrennt. In einer jeden und einem jeden leuchtet seine Liebe auf. Längst bevor wir ihn suchen, wirkt er liebevoll in uns. Was wir auch tun oder lassen.

Das bringen gute Komödien an den Tag. Da kann ich über mich und meine Begrenztheit lachen, vielleicht sogar herzhaft lachen. Wenn mir die schmerzhafte Wahrheit amüsant genug vorgehalten wird. So kann ich mich auch aus dem Blickwinkel Gottes sehen. Denn ich bin ja gemeint. Die Lebensaufgabe besteht darin, voll Liebe unterwegs zu sein:

Niemand hat Gott jemals gesehen.
Aber wenn wir einander lieben,
bleibt Gott mit uns verbunden.
Dann hat seine Liebe in uns ihr Ziel erreicht.

Diese Liebe kommt auch immer wieder an Grenzen. Differenzen müssen geklärt, Streit muss ausgetragen werden. Aber aus dem Blickwinkel Gottes tun sich mehr Möglichkeiten auf als Muskelspiele und Schlägereien. Da zeigt sich Kraft manchmal auch in den Bruchstücken des Lebens. Und Schönheit erscheint unter ihrem Gegenteil.

Aber warum soll ich mich darauf einlassen? In Yasmina Rezas Komödie bekennt sich eine angetrunkene Mutter zu einem Männerbild à la John Wayne:

Was hatte der? Einen Colt.
Ein Ding, das Leere schafft …

Was um alles in der Welt bringt mich dazu, stattdessen auf Gottes Fülle zu setzen? Vielleicht, dass die Bibel mich zu einem Leben jenseits der bisherigen Möglichkeiten ermächtigt. Nicht als Anspruch oder gar Zwang, sondern als Lockruf – hinaus ins Weite (Psalm 18,20).

Dort entfaltet sich die Gottesliebe vorsichtig tastend. Indem ich mich angenommen weiß und mich selbst bejahe. Indem ich anderen achtsam zugeneigt bin. Und im Mitgestalten an einer Welt, die zärtlicher und gerechter wird. Dann hoffe und leide und kämpfe ich für ein solidarisches Zusammenleben. Und vertraue dem Licht von Ostern, das auf unser aller Leben fällt. Amen.

 


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