Vom Mitleiden mit allen Leidenden
Lukas 6,36-42
 - 4. Sonntag nach Trinitatis: 14. Juli 2019

Die Gefahr, uns in Menschenverachtung hineintreiben zu lassen, ist sehr groß. Wir wissen wohl, dass wir kein Recht dazu haben und dass wir dadurch in das unfruchtbarste Verhältnis zu den Menschen geraten. […] Mit der Menschenverachtung verfallen wir gerade dem Hauptfehler unserer Gegner. Wer einen Menschen verachtet, wird niemals etwas aus ihm machen können. Nichts von dem, was wir im anderen verachten, ist uns selbst ganz fremd. Wie oft erwarten wir von anderen mehr, als wir selbst zu leisten willig sind. […] Wir müssen lernen, die Menschen weniger auf das, was sie tun und unterlassen, als auf das, was sie erleiden, anzusehen. Gott selbst hat die Menschen nicht verachtet, sondern ist Mensch geworden um der Menschen willen.

Diese Gedanken schreibt Dietrich Bonhoeffer in seiner so genannten „Rechenschaft nach Zehn Jahren“ von 1943, kurz vor seiner Verhaftung. Was mich so beeindruckt an diesem Bonhoeffer-Text ist, wie präzise er das menschliche Wesen und seine Abgründe beschreibt. Wie schnell gerate ich in Gefahr, hart und verachtend zu werden, wenn ich mich über jemand ärgere oder mich jemand bitter enttäuscht hat. Wie rasch rutsche ich in die Verbitterung, wenn andere einfach nicht tun oder nicht sagen, was ich erwarte. Und zugleich bietet Bonhoeffer ein Korrektiv an. Daraus gewinnt er einen neuen Maßstab: Gott ist Mensch geworden, damit wir menschlich werden. Einen ähnlichen Gedankengang finde ich im Lukasevangelium:

36 »Habt Mitleid, wie auch Gott mit euch leidet.
37 Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.
Verurteilt nicht, damit ihr nicht verurteilt werdet.
Sprecht frei und ihr werdet freigesprochen!
38 Gebt und Gott wird euch geben.
Was dann in euren Schoß fallen wird,
ist wie ein gutes Maß Getreide,
voll gedrückt, gerüttelt, überfließend!
Denn mit dem Maß, mit dem ihr messt,
wird Gott euch im Gegenzug abmessen.«
39 Jesus sagte ihnen auch ein Gleichnis:
»Kann eine blinde Person
eine andere blinde führen?
Werden nicht beide in den Straßengraben fallen?
 40 Ein Lehrling steht nicht über der Meisterin
oder dem Meister; erst wenn sie die Lehre
vollendet haben, werden sie sein wie die,
von denen sie gelernt haben.
41 Warum siehst du den Splitter
im Auge deiner Geschwister, nimmst aber
den Balken in deinem eigenen Auge nicht wahr?
42 Wie kannst du sagen: Geschwister, wartet,
ich werde den Splitter in eurem Auge herausziehen –
wenn du selbst den Balken in deinem Auge
nicht siehst? Du machst dir etwas vor!
Entferne zuerst den Balken aus deinem Auge,
und dann wirst du sehen, ob du den Splitter
aus dem Auge deiner Geschwister herausziehen kannst.«

Mit diesen Sätzen will Jesus dir und mir das Leben leicht machen. Er ist gekommen, damit das Leben glückt. Damit ich frei werde vom Zwang des Vergleichens und mich Messens mit anderen. Dann müsste ich nicht geplagt sein von Minderwertigkeitsgefühlen, von zermürbenden Erwartungen. Sondern ich wäre frei, unbelastet – glücklich. Deshalb spricht Jesus darüber, was es bedeutet anderen Menschen liebevoll und mit Respekt zu begegnen. Großzügigkeit ist nur ein Aspekt davon. Jesus nennt weitere: Richtet nicht, verurteilt nicht, sprecht frei und gebt. All das ist Ausdruck von Mitleid oder wie‘s Luther übersetzt hat: von Barmherzigkeit.

Von Dorothee Sölle habe ich gelernt, dass es kein fremdes Leiden gibt. Sie spricht in der Tradition der Befreiungstheologie von der compassio, dem Mitleiden mit Christus und allen Leidenden. Gemeint ist jedenfalls, dass ich mit meinem Empfinden bei meinem Gegenüber bin. Dass ich mit meinem Gegenüber mitempfinde und nicht allein in mein Ich verkrallt bin. Genauso ist Gott, sagt Jesus. Der empfindet mit euch mit.

Und darin soll ich Gott nacheifern. Sei in deinem Mitleiden Gottes Ebenbild, sagt Jesus. Denn Gott hat den Menschen zu seinem Ebenbild erschaffen. Es ist deine und meine Bestimmung Gottes Ebenbild zu sein. Davon erzählt schon das 1.Mosebuch. Und: Gott ist ein mitleidender Gott.

Statt nur in mir gefangen zu sein, richtet sich meine Aufmerksamkeit auf die andere und den anderen. Da schärft sich mein Blick. Ich sehe plötzlich den ganzen Schrecken, die Brutalität der Welt, die ich sonst übersehe, nicht wahrnehme, nicht wahrhaben will. Ich sehe auch die Kleinlichkeit, das Bösartige, das Gemeine, das in den Menschen stecken kann – ich sehe es jetzt besser und schärfer als zuvor.

Aber die Gefahr ist: ich sehe es vor allem an den anderen! Und das ist das Problem: Dieser klare Blick auf die menschliche Unzulänglichkeit, auf die kleinen Betrügereien und die entsetzliche Ungerechtigkeit. Ein klarer Blick, aus dem dann aber oft eine Härte im Verurteilen, im Abqualifizieren der anderen entsteht.

Und deshalb spricht Jesus vom Verurteilen anderer, von der Menschenverachtung. Aber entscheidend ist, wie ich das höre: nämlich als Wahrnehmungsübung. Siehst du nicht, dass du bei aller Erwartung, bei aller Sehnsucht und aller Anstrengung ein Mensch bleibst, der von sich selbst schlecht absehen kann, der sich selbst im Wege steht, sich selbst immer zuerst der Nächste ist? Der Balken in deinem eigenen Auge ist eine bildhafte Beschreibung dieser meiner eigenen Unvollkommenheit. Ich habe bei allem Bemühen nur einen Ausschnitt allen Wissens. Ich verstehe die Ereignisse nur aus meinem bescheidenen momentanen Blickwinkel heraus. Ich kann es noch so sehr versuchen, aber ich werde nicht ohne Schuld leben. Und deshalb habe ich verständnisvollen Umgang, inneres Augenmaß und Vergebung nötig.

Denn mit dem Maß, mit dem ihr messt,
wird Gott euch im Gegenzug abmessen.

sagt Jesus. Und das heißt doch: Es gibt einen Maßstab. Aber wenn ich mich zuerst auf die Verzerrung der eigenen Wahrnehmung konzentriere – auf das, was das Lukasevangelium den Balken in deinem eigenen Auge nennt –, dann verändert sich vielleicht auch mein Blick für andere. Dann fällt die Verachtung weg. Dann konzentriere ich mich darauf, dass ein Prozess der Entzerrung in Gang kommt. Und ich gebe anderen eine Chance, nicht mehr nur mein Gegner zu sein. Sondern ich nehme sie wahr als Menschen im Leiden.

Um ihnen so begegnen zu können, brauche ich Vertrauen. Vertrauen in mich selber und Vertrauen auf Gott. Es ist das Vertrauen in das voll gedrückte, gerüttelte, überfließende Maß, das Gott dir und mir schenkt. Damit ich aus dem Vollen schöpfen kann. Damit ich mit meinem Empfinden ganz bei meinem Gegenüber sein kann. Nicht ängstlich in mein Ich verkrallt. Nicht Ressentiments schüren. Sondern mutig und voll Vertrauen geben, vergeben, nicht verurteilen, nicht richten, den Ausgleich suchen, mich in andere einfühlen, sie wahrnehmen in ihrem Leiden. Denn:

Das einzig fruchtbare Verhältnis zu den Menschen
[…] ist Liebe, d. h. der Wille,
mit ihnen Gemeinschaft zu halten.

Diese Perspektive gewinne ich nicht aus mir selbst, sondern aus meinem Glauben:

Gott selbst hat die Menschen nicht verachtet,
sondern ist Mensch geworden um der Menschen willen.

Oder wie es Meister Eckhart sagt:

Gott geht nimmer in die Ferne,
er bleibt beständig in der Nähe;
und kann er nicht drinnen bleiben,
so entfernt er sich doch nicht weiter
als bis vor die Tür.

Wie Gott mir beständig sein Herz zuwendet, so will ich es auch dem Menschen zuwenden, dem ich gerade begegne. Amen.


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